Fotocredit: © Stadtgemeinde Tulln, Robert Herbst

Tulln kann als „Stadt des Miteinanders“ Vorbild sein

Nicht nur in der österreichischen Innenpolitik gibt es große Konflikte, durch Europa gehen immer größere Risse und zwischen USA, Russland und dem Rest der Welt sowieso. In Tulln soll es anders sein. In der Gartenstadt wurde mit dem Titel „Die Stadt des Miteinanders“ ein Prozess begonnen, der zu einem Vorbild des Zusammenlebens in Städten des 21. Jahrhunderts werden könnte. Der bekannte deutsche Autor und Universitätsprofessor Gerald Hüther sprach dazu vor 600 ZuhörerInnen im Rathaus und erhielt stehende Ovationen.

„Es geht um die Frage, wie man das Zusammenleben in Tulln gemeinsam so gestalten kann, dass es in Tulln für alle gut ist. Das geht niemals, indem sich die einen auf Kosten der anderen durchsetzen. Das erzeugt viel zu hohe Reibungsverluste“, formulierte Hüther die zentrale Aussage und lieferte als Hirnforscher auch gleich einen weiteren wichtigen Aspekt: „Das Hirn verwendet zur Signalisierung von gestörten Beziehungen zu anderen die gleichen Netzwerke, mit denen es körperliche Schmerzen signalisiert. Dem Hirn ist das Soziale genauso wichtig, wie das Körperliche.“

Bereitschaft der Bürger ist gefragt
Für Hüther, der auf Initiative von Bürgermeister Peter Eisenschenk diesem völlig neuen gesellschaftlichen Weg in Tulln begleitet, ist hier bereits nahezu alles getan, was eine Stadtführung zur Etablierung einer „Stadt des Miteinanders“ leisten kann: „Politik kann nur die Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer das passiert, was man sich wünscht. Mehr kann die Politik nicht tun, der Bürgermeister nicht und die Verwaltung auch nicht.“ Der Ball liegt laut Hüther bei den Tullnerinnen und Tullnern: „Das Entscheidende, was man nun lernen muss ist, dass es nicht darauf ankommt, dass etwas für die Bewohner bereitgestellt wird, sondern, dass es sehr gewünscht ist, dass die Bürger von Tulln selbst die Gestalter ihrer Lebensgemeinschaft in der Stadt sind.“

Verantwortung für das Miteinander übernehmen
Damit dieser segensreiche Prozess Fahrt aufnimmt, braucht es laut Hüther die Bereitschaft vieler Bürger „Verantwortung dafür zu übernehmen, was in dieser Stadt passiert.“ Damit das passiert, „muss sich eine Identität entwickeln, die mich mit Tulln verbindet.“ Das führt zu der spannenden Frage, „ob wir in der Vergangenheit nicht vergessen haben, dass Menschen so etwas wie eine Heimat brauchen, mit der sie sich verbunden fühlen.“

Tulln kann Vorbild sein!
Die Verbundenheit mit Tulln ist die Voraussetzung, dass der Prozess der Stadt des Miteinanders vorangeht und etwas Spezifisches für Tulln entstehen könnte, „was nicht in jeder beliebigen Stadt machbar ist, denn sonst wäre es eben beliebig.“ Dennoch könnte Tulln für Hüther Vorbild für viele Städte und Länder in den aktuell schwierigen Zeiten sein, denn „dort wo Menschen einander begegnen, fängt an, das Neue in die Welt zu kommen.“

Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!
GemeinderbürgerInnen sind eingeladen, sich über die bereits eingerichtete Plattform im Internet www.stadtdesmiteinanders.at zu melden und zu erzählen, „was sie gerne mit anderen gemeinsam auf den Weg bringen möchten und fragen, wer noch dabei sein mag.“ Es braucht das konkrete Tun, damit gesehen wird, so Hüther, „was passiert, wenn sich eine ganze Stadt auf den Weg macht, anders miteinander das Leben zu gestalten. Sich nicht mehr gegenseitig zu belehren, sondern einfach zu schauen, wie man den anderen einladen, ermutigen, inspirieren kann, in seine eigene Kraft zurückzufinden, dass er sich wieder entwickelt. Das führt nicht nur zum Wohl des Einzelnen, sondern auch zum Wohl der ganzen Stadt. Das ist eine andere Kultur, das ist ein Miteinander.“

Zum gesamten Vortrag: Video auf YouTube